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Kobalt: Kann Europa sich selbst mit dem wichtigen Rohstoff versorgen?

Rainer Kurlemann

2022-09-23T08:00:00+02:00

Kobalt ist wichtiger Bestandteil viele Elektronikprodukte – und insbesondere von Akkus, die in E-Autos mitfahren. Wie könnte Europa die Nachfrage selbst decken?

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Kobalt ist ein Metall, das weltweit für schlechte Schlagzeilen sorgt. Ende Mai 2020 dokumentierten Satelliten der europäischen Raumfahrtagentur (ESA) die Umweltschäden nach einem Unfall in der russischen Bergbaustadt Norilsk. Die Großstadt nördlich des Polarkreises gilt als eine der schmutzigsten Orte der Welt. Die Bergbaufirmen stehen unter Verdacht, das sie ihre hochgiftigen Abwasser in die Tundra leiten, die Behörden haben ausländischen Besuchern den Zugang versperrt. Amnesty International deckte 2015 auf, dass im Kongo Kinder ab sieben Jahren für Kobalt ihr Leben riskieren.

Viele Tunnel im Kleinbergbau seien von Hand gegraben und drohten einzustürzen oder seien nur unzureichend belüftet, berichtet Amnesty im Zusammenarbeit mit lokalen Menschenrechtsorganisationen. Der tägliche Umgang mit Kobaltgestein ohne Schutzkleidung ist gesundheitsschädlich und kann zu tödlichen Lungenkrankheiten führen. Zudem hinterlassen die ausgebeuteten Bergwerke große Umweltschäden. „Die Vielzahl an aufgelassenen Tagebauen und Halden deutet darauf hin, dass in vielen Fällen keine sachgemäße Rekultivierung stattfand“, heißt es in einem Nachhaltigkeitsbericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) für die Länder Kongo und Sambia von 2019.

Diese und andere Beispiele zeigen, wie hilfreich es wäre, wenn Deutschland oder Europa sich aus eigenen Beständen mit dem Metall versorgen könnten, das vor allem für Batterien und Superlegierungen verwendet wird. Aktuell wandern 46 Prozent der Kobaltproduktion in die Batterieherstellung. In jedem Laptop stecken beispielsweise zwischen 20 bis 50 Gramm Kobalt. Der Gesamtverbrauch wird sich durch die Umstellung des Verkehrs auf Elektromobilität deutlich erhöhen. Ein vollelektrischer Pkw benötigt etwa fünf bis zehn Kilo Kobalt.

Wiederaufladbare Batterien bilden eine der nötigen Schlüsseltechnologien. Europa hat deshalb reagiert und will die bestehende Abhängigkeit von asiatischen Herstellern deutlich verringern. Unterstützt durch EU-Förderung werden bis zu 40 neue Gigafactories für Batterien gebaut oder geplant. Mindestens 15 europäische Länder beteiligen sich an diesem Programm. Deutschland ist ganz vorn dabei, hier soll mehr als ein Viertel der europäischen Zellproduktionskapazitäten entstehen.

Große Bedeutung in vielen Sektoren

Die wachsende Bedeutung von Kobalt als Batteriemetall spiegelt sich bereits auf den Märkten wieder. Das Cobalt Institut (CRU) berichtet , dass die globale Nachfrage nach Kobalt im Jahr 2021 um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen ist. In den kommenden fünf Jahren erwarten die Experten eine Steigerung von etwa 13 Prozent pro Jahr. Recycling spielt im weltweiten Markt mit 13.000 Tonnen pro Jahr bisher kaum eine Rolle. Nur zehn Prozent der Kobaltförderung stammten 2019 aus der Wiederverwertung alter Geräte und Batterien, dieser Anteil wird sich aber mit der größeren Nachfrage steigern.

Ob die europäische Batterieproduktion in den Förderländern zu mehr Umweltschutz und besseren Arbeitsbedingungen für die Bergleute in den Kobaltminen bringen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass Deutschland einen der wichtigsten Rohstoffe für Batterien dauerhaft importieren muss. Zwar gibt es immer wieder Meldungen, dass auch in Deutschland kobalthaltige Gesteine gefunden werden. Aber der Eindruck trügt: Ein neues Bergwerk würde sich hierzulande selbst bei steigenden Weltmarktpreisen nicht rentieren, weil der Kobaltgehalt im Stein viel zu gering ist. Die BGR berichtete aber im Sommer 2021 über Laborversuche mit Material aus den Halden der längst geschlossenen Bergwerke im Harz.

Die Wissenschaftler konnten darin Kobalt isolieren. Dieser Erfolg weckt Hoffnungen, denn in den Rückständen der alten Minen befinden sich auch andere wertvolle Metalle, die für Zukunftstechnologien benötigt werden. Wenn mehrere Rohstoffe gleichzeitig aus den Halden gewonnen werden, erreicht ein Unternehmen schneller die Wirtschaftlichkeit.

Für Geologen ist es keine Überraschung, wenn Kobaltfunde gemeldet werden. Das Metall ist weit verbreitet, aber es tritt meistens nur als Spurenelement in Erzen auf und ist deshalb kaum verwertbar. Kobalt ist ein typischer Begleiter von Nickel oder Kupfer. Industriell geförderten Nickel- und Kupfererze haben im allgemeinen durchschnittliche Kobaltgehalte zwischen 0,1 und 0,5 Prozent. Die Kobaltproduktion war bisher quasi nur ein Abfallprodukt bei der Gewinnung anderer Metalle. Nach Angaben der CRU stammten im Jahr 2016 etwa 61 % der Kobaltproduktion aus dem Kupferbergbau und 37 % aus dem Nickelbergbau. Bei nur zwei Prozent der globalen Förderung wird in Minen gewonnen, die speziell für Kobalt errichtet wurden.

Standorte sind vorhanden

In Europa gab es mal 109 Standorte, heute liegen die drei größten Kobaltminen alle in Finnland. In der Nickelmine Talvivaara in Mittelfinnland (Sotkamo) werden sowohl Kobalt- als auch Nickelsalze als Vorläufer für Batterien hergestellt. Der Schwarzschiefer hat nur einen Anteil von 0,02 Prozent Kobalt. Damit der Bergbau und die Aufarbeitung höhere Umweltauflagen erfüllen, haben die Finnen ein staatlich geführtes Unternehmen mit der Förderung beauftragt. Zwei weitere Minen arbeiten im Norden des Landes. Finnland wird zum europäischen Kobaltzentrum werden, denn dort sollen auch Erze aus russischen Bergwerken für die Weiterverarbeitung aufbereitet werden.

International gesehen werden die Finnen mit einem Marktanteil von etwa zehn Prozent dennoch nur eine geringe Rolle spielen. Der Kobaltmarkt ist wie bei keinem anderen Metall durch wenige Akteure bestimmt. Seit rund zehn Jahren dominiert die Kobaltförderung aus den kongolesischen Kupferbergwerken den Weltmarkt. Ihr Anteil an der Förderung schwankt: Die Regierung des Landes hat einzelne Minen nach heftigen Protesten wegen schweren Umweltschäden und Unfällen mit Toten für ein paar Jahre heruntergefahren. Andererseits steigert das Land die Produktion, wenn die Weltmarktpreise für das Metall steigen.

Die Führung des Landes gilt als korrupt, lokale Milizen kontrollieren die Minen. Der Kongo hat angekündigt, auch eigene Fabriken für die Aufarbeitung der Erze zu Kobaltsalzen bauen und damit die Vormachtstellung Chinas in diesem Geschäftsbereich anzugreifen. Mehrere führende Politiker haben bereits damit gedroht, dass ihr Land gemeinsam mit Sambia ein Kartell bilden könnte, dass das weltweite Kobaltangebot nach eigenen Vorgaben reguliert.

(bsc)