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Moore vernässen ohne dem Klima zu schaden

Hanns-J. Neubert

2022-09-23T10:00:00+02:00

Einfach nur Wasser drauf hilft nicht: Trockengelegte Moore sind Klimagasschleudern. Sie zu vernässen braucht Zeit.

Die Feuchtgebiete der Erde sind gewaltige Klimagasspeicher, gleich hinter Ozeanen und Wäldern. Sie bedecken zwar nur ein Prozent der Erdoberfläche, speichern aber 20 Prozent des Kohlenstoffs, den Ökosysteme weltweit binden. Das berechnete ein Forscherteam um Ralph J. M. Temmink von der Universität Utrecht in einer umfangreichen Studie.

Doch seit Jahrhunderten werden Feuchtgebiete trocken gelegt – bis heute. "Weltweit gehen jedes Jahr rund ein Prozent dieser Ökosysteme durch menschliche Eingriffe verloren", schreiben die Forscher. "Das dadurch freigesetzte Kohlendioxid macht jährlich etwa fünf Prozent der gesamten von Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen aus." Wenn ein Moor nämlich ausgetrocknet ist, gelangt Luftsauerstoff in die tiefere Torfschicht. Dort verbindet er sich mit dem seit Jahrhunderten angesammelten Kohlenstoff zum klimaschädlichen Kohlendioxid.

In Deutschland waren sieben Prozent der Agrarflächen einst Moore. Heute machen sie 37 Prozent der landwirtschaftlichen Kohlendioxidmissionen aus – oder rund 7,5 Prozent aller deutschen Treibhausgasemissionen. Das einzige Gegenmittel, um diese Freisetzung zu stoppen, ist die Wiedervernässung der einst trocken gelegten Moorgebiete. Denn anders wird Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen können. Doch es ist nicht ratsam, einfach nur die Entwässerungsgräben zuzuschütten oder Wasser auf die einstigen Moorflächen zu leiten.

Würde man nämlich einfach nur den Wasserstand auf einer ehemaligen Moorfläche erhöhen, würde es 50 Jahre und länger dauern, bis sich wieder ein richtiges Moor bilden würde, schreiben die beiden Forscher Dominik Zak und Robert J. McInnes vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin in einer aktuellen Veröffentlichung. Zwar würden die Emissionen durch den Sauerstoffmangel ziemlich sofort aufhören, doch stattdessen entsteht Methangas. Das bilden Bakterien, wenn der Moorboden plötzlich durch das Wasser vom Luftsauerstoff abgeschnitten ist. In der Atmosphäre ist Methan zwar kurzlebiger als Kohlendioxid, aber mindestens 25-mal klimawirksamer. Genau das kann die Menschheit aber gerade jetzt überhaupt nicht gebrauchen.

Komplettflutungen sind gefährlich

Hinzu kommt, dass bei dieser Methode auch reichlich Nährstoffe frei werden, wie Zak erläutert. Denn ohne Wasser zersetzte sich der Torfboden über die Jahrzehnte landwirtschaftlicher Bearbeitung. "Kommt Wasser darauf, entsteht zunächst ein Flachsee, und der im Boden gebundene Phosphor wird freigesetzt", so Zak. "Die Phosphor-Konzentrationen solcher überstauten Moorflächen sind dabei 100- bis 1000-mal höher als in naturnahen Mooren." Derartige Nährstoffmengen können aber in benachbarte Ökosystemen gelangen und sie verändern. In Dänemark wurden diese schnellen und billigen Komplettflutungen deswegen inzwischen auch gestoppt.

Würde man sich mit der Wiedervernässung allerdings mehr Zeit lassen und den Wasserstand über 10 bis 15 Jahren langsam erhöhen, könnte es gelingen, die negativen Klima- und Umweltwirkungen der Quick-and-Dirty-Methode zu vermeiden. "Unter solchen Bedingungen lassen sich diese Flächen in der Vegetationsperiode noch als Gras- oder Weideland weiter nutzen, bei noch höheren Wasserständen nur im Winterhalbjahr, was insgesamt die Mineralisierung im Boden drosselt", erklärt Zak. Nach etwa zehn Jahren könne man die Vernässung dann ganzjährig zulassen. Erst von da an würde das richtige Moorwachstum beginnen.

Eine schnell wirksame, aber auch recht teure Alternative wäre, vor der Vernässung die oberste Schicht des alten Moorbodens abzutragen. "In den obersten 20 bis 50 Zentimetern liegt ein großer Teil des Phosphors und anderer Gewässer belastender Stoffe in chemisch mobiler Form vor", so Zak. Diese Methode eigne sich besonders dort, wo des Grundwasser hoch ansteht. Danach könnte man die Entwässerungsgräben mit einem Teil des abgetragenen Bodens verschließen, so dass der Wasserspiegel von selbst wieder langsam ansteigt. Auf diese Weise entwickle sich die moortypische Vegetation schon binnen weniger Jahre, wie der Forscher vor einiger Zeit an Experimentalflächen nachweisen konnte. Zudem reduziere sich der Methanausstoß um das Hundertfache.

Immens wichtig für den Klimaschutz

Allerdings weist Zak darauf hin, dass keine dieser Methoden ein Allheilmittel ist. Um zu entscheiden, auf welche Art ein ehemaliges Moor wieder mit Wasser gesättigt werden kann, muss man immer auch Geländebeschaffenheit, Flächengröße, Degradation des Bodens, Abflüsse, Grundwasserspiegel und die aktuelle Bodennutzung berücksichtigen.

Dass Moore immens wichtig für den Klimaschutz sind, weiß inzwischen auch die Politik. Bundesumweltministerin Steffi Lemke wählte am 31. August 2022 nicht umsonst ein Moorgebiet – die Möllmer Seewiesen bei Oranienburg –, um ihren Entwurf für das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz vorzustellen. Er ist die Konkretisierung des 2019 verabschiedeten Klimaschutzprogramms 2030. Darin fließen auch Maßnahmen aus der Bund-Länder-Zielvereinbarung von 2021 zum Moorbodenschutz ein. Danach sollen die Treibhausgasemissionen aus Moorböden jährlich um fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente sinken.

Doch die Renaturierung von Mooren wird aber wohl nicht ohne Konflikte ablaufen. Schließlich wollen die Landwirte auch weiterhin auf diesen Flächen wirtschaften. Sie müssten sich auf eine neue Art der Bodennutzung umstellen, auf die Paludikultur, die Sumpfwirtschaft. Schilf, Rohrkolben oder Torfmoos wären dann die neuen Feldfrüchte, die sie als Baumaterialien vermarkten könnten. Auch ließen sich die Flächen mit Solaranlagen überbauen. Mit Sicherheit werden sich aber nicht alle Feuchtgebiete wiedervernässen lassen. Niemand wird beispielsweise den Münchner Flughafen zurückbauen wollen, für den einst mehr als 1600 Hektar Moor trocken gelegt wurden. Und anderswo wurden Siedlungen auf Moorflächen gebaut. Auch der Klimawandel selbst könnte einige Vernässungspläne zunichte machen: Moore leiden in Dürreperioden genauso unter Wassermangel wie viele Flüsse.

(bsc)