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Der Nutzerismus: Eine Ideologie mit totalitärem Potential

Prof. Simon Hegelich

2022-09-23T11:55:00+02:00

Während der Hannah-Arendt-Tage in Hannover hält Prof. Dr. Simon Hegelich einen Vortrag über die digitale Vermessung des Menschen. Ein Gastbeitrag zum Thema.

Vom 11. bis zum 15. Oktober finden in Hannover die 25. Hannah-Arendt-Tage statt. Das Thema lautet dieses Mal: "Unkontrollierte Macht: Vom Trend zur Autokratie". Das Medienhaus Heise in der Karl-Wiechert-Allee ist Gastgeber eines Vortrags von Prof. Dr. Simon Hegelich unter dem Titel "Die digitale Vermessung des Menschen: Auf den Weg in einen neuen Totalitarismus?". Dieser findet am Donnerstag, 13. Oktober, ab 19 Uhr statt und wird auch im Livestream übertragen. In diesem Gastbeitrag gibt Prof. Dr. Hegelich einen Einblick in sein Vortragsthema. Anmeldungen sind bis zum 5. Oktober 2022 möglich.

Ich glaube, dass wir derzeit den Aufstieg einer Ideologie erleben, die ich Nutzerismus nennen möchte. Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass jede Ideologie zu einem totalitaristischen Regime führen kann und es gibt ernste Anzeichen, dass dies auch für den Nutzerismus gilt.

Was ist der Nutzerismus?

Wie bei jeder Ideologie ist der Kerngedanke sehr einfach: Im Prinzip gibt es für alle gesellschaftlichen Probleme eine technische Lösung. Leider wenden die Menschen die richtigen Technologien nicht an. Sie nehmen ihre Rolle als Nutzer nicht wahr. Es geht dem Nutzerismus also um das Zusammenspiel von Mensch und Technik, allerdings immer wieder aus der gleichen Perspektive. Die Technik kommt vor als potenzielle Lösung eines gesellschaftlichen Problems. Eventuell fehlt die perfekte Lösung noch, aber das ist dann als Auftrag an die Wissenschaft und die Ingenieure zu verstehen. Dieser Technikglaube hat etwas sehr Naives. Er abstrahiert zum Beispiel von allen Interessen, für die Technologien tatsächlich entwickelt werden, als wäre Technik etwas Neutrales, was einfach nur für die richtigen Zwecke angewandt werden müsste.

Diese Naivität erinnert an spezielle sozialistische Überlegungen, die davon ausgingen, es wäre völlig ausreichend, wenn die Produktionsmittel in der Hand der Arbeiterklasse wären. Als wäre der ökonomische Zweck der Profitmaximierung nicht in den Maschinen selbst manifestiert, die den Arbeiter zu einem Anhängsel machen.

(Marx hatte diesen naiven Technikglauben bei einigen Sozialisten bereits kritisiert und widmet im „Kapital“ ein ganzes Kapitel dem Arbeits- und Verwertungsprozess, um aufzuzeigen, dass die kapitalistische Technik eben nicht einfach nur eine Steigerung der Produktivität bedeutet, sondern die Unterordnung des Arbeiters materialisiert.)

Erst diese behauptete Wertfreiheit der Technologie erlaubt den Zusammenschluss mit den “gesellschaftlichen Problemen”. Auch hier wird einfach naiv davon ausgegangen, dass die entsprechenden Missstände wertfrei seien und die Gesellschaft egalitär betreffen, beziehungsweise gleich Herausforderungen der Menschheit seien, also entweder auf ein unreflektiertes “Wir-alle” (wer das auch immer sein mag) zielen, oder sogar auf die Gattung als höchste Abstraktion.

Die Ideologie des Nutzerismus besagt nun, dass sich diese Probleme durch das Zusammenkommen von Gesellschaft und Technik lösen. Das Individuum kommt dabei nur als kleinste Einheit des gesellschaftlichen Konglomerats vor. Einerseits gehen alle individuellen Interessen im gesellschaftlichen Ganzen auf, andererseits muss sich das Individuum dem gesellschaftlichen Problemdruck stellen und die technische Lösung selbst anwenden: Es muss Nutzer werden. Nur als menschliches Anhängsel der Technologie erfüllt das Individuum seinen gesellschaftlichen Auftrag. Dann aber mit dem Versprechen, dass dies ein Beitrag zur Gesellschaft und damit auch eine Übereinstimmung mit den (wohlverstandenen) Eigeninteressen sei. Dieses problematische Spannungsverhältnis von Kollektiv und Individuum bestimmt dann den politischen Auftrag: Die Menschen müssen zu Nutzern gemacht werden, durch Anreize, Überzeugung, Überredung oder letzten Endes durch überlegene Gewalt.

Beispiele des Nutzerismus

Die Entstehung des Nutzerismus ist eng mit der Debatte um den Klimawandel verwoben. Während die Umweltbewegung – wie zum Beispiel an den frühen Grünen in Deutschland zu studieren – zunächst darauf bestand, dass die herrschenden Zwecke mit einer Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlage einhergehen, gab es einen Umschwung – vermutlich auch aus Resignation heraus – hin zu der Vorstellung, dass, wenn man schon das System als Ganzes nicht ändern kann, man doch wenigstens im Kleinen etwas verändern könnte.

Konsumverzicht, bewusster Lebensstil, Veganismus und Fair Trade wurden individuelle Waffen gegen die Zerstörung des Globus. Spätestens mit Fridays for Future hat sich hier erneut Resignation eingestellt: Das Wirken im Kleinen erscheint als unzureichend, um der gesellschaftlichen Problematik gerecht zu werden. Und hier greift der Nutzerismus: Die technische Lösung ist doch eigentlich da (zum Beispiel in Form von erneuerbaren Energien), die Politik hat es nur versäumt, die Gesellschaft in ein Kollektiv von Nutzern zu verwandeln und der Appell richtet sich nun ganz klar an die „Mächtigen“, ihren Job gefälligst zu machen („How dare you!“).

(Natürlich gibt es in der Umweltbewegung nach wie vor viele Strömungen, die diesen Kurzschluss von Individuum, Gesellschaft und Technik nicht mitmachen. Von einigen wird nach wie vor das Wirtschaftssystem als Ursache gesehen, andere vertrauen der Technik nicht im Sinne des Nutzerismus und vertreten eher eine Perspektive der Deindustrialisierung durch persönlichen Verzicht. Interessant ist aber schon, dass die Nutzeristen in der Klimabewegung hörbarer werden, vielleicht auch, weil ihre Ideologie auf Resonanz bei Politik und Medien stößt. Der Nutzerismus ist auch wesentlich unkritischer gegen Versuche des „Green-Washings“ (also der bloß taktischen Übernahme bestimmter Techniken) als es die klassische Umweltbewegung ist: Immerhin lassen sich die entsprechenden Unternehmen auf die neue Technik ein, auch wenn sie ihre Rolle als Nutzer noch nicht vollständig akzeptieren.)

Jetzt gilt es, die richtigen Anreize zu setzen, fossile Energie staatlich zu verteuern, gute Technik zu fördern oder auch den Einsatz der falschen Technik einfach zu verbieten (wie beim Verbrennungsmotor). Als Nutzer von grüner Technologie werden wir nicht nur den Globus retten, sondern auch Weltmarktführer im Bereich der Green Economy, was ein schlagkräftiges Beispiel dafür ist, dass es Konflikte im Sinne von sich widersprechenden Interessen in der Gesellschaft des Nutzerismus nicht gibt.

Zur ungeahnten Bedeutungsschwere ist der Nutzerismus in der Covid-Krise aufgestiegen. Gerade in Deutschland wurden fast alle Aspekte der Pandemie als technische Probleme mit passenden Lösungen und – zum Teil unwilligen – Nutzern behandelt. Ein Test, der ein Virus, keine Erkrankung nachweist und ohne ein Wissen über die Prävalenz nicht interpretiert werden kann, wird durch Subventionen und Zwangsverordnungen gepusht, bis eine Gesellschaft von Testnutzern entsteht. Die Impfung wurde als Lösung aller Probleme verkauft (Merkel: „Die Pandemie endet, wenn wir einen Impfstoff haben.“) und die Nicht-Nutzer zum Problem erklärt, in dem man die Pandemie (oder sogar die Tyrannei) der Ungeimpften ausrief. Masken, die den Einzelnen offenbar nicht zuverlässig schützen, sind staatlich verordnet die technische Lösung, die die Probleme löst, wenn nur alle Nutzer sorgfältig damit umgehen. Eine App, die technisch gesehen nicht funktionieren kann, weil Near-Field-Bluetooth nicht geeignet ist, um Virusübertragungswege zu erfassen, wird zur technischen Eintrittskarte für das gesellschaftliche Leben.

Nicht vergessen sollte man, dass die Tech-Konzerne des Silicon Valley den Nutzerismus verkörpern und groß gemacht haben. Twitter, Facebook, Google und so weiter, gehen alle davon aus, dass sie Technologie entwickeln, welche die Menschheit unterstützen, die Welt besser machen, die Menschen vernetzen etc. Hier fällt das Bereitstellen der Technologie in eins mit den Profitinteressen der Plattformökonomie. Als Bereitsteller der Technologie fällt es den Tech-Konzernen zu, den Zugang auch wieder zu verwehren. Damit können Nutzer ausgeschlossen werden, die die Technologie missbräuchlich, also nicht im Sinne der Lösung der gesellschaftlichen Probleme, verwenden. Es ist unstrittig, dass noch nie so viele Nutzer temporär oder dauerhaft von Twitter und Facebook verbannt wurden, wie im Zuge der Covid-Pandemie.

Der Nutzerismus im Verhältnis zu Konfliktlinien und politischen Strömungen

Politisch gesehen hat die Ideologie des Nutzerismus ein besonderes Potenzial, unterschiedliche politische Strömungen zu vereinen, weil diese Ideologie indifferent zu den klassischen Konfliktlinien ist und sich daher auch nicht im traditionellen Parteienspektrum abbildet.

Kapital und Arbeit ist kein Gegensatz für den Nutzerismus. Im Extremfall werden Firmen zum Beispiel wie Individuen betrachtet, die zur Nutzung der richtigen Technologie angehalten werden müssen. Kirche und Staat haben vom Standpunkt des Nutzerismus beide den gleichen gesellschaftlichen Auftrag, die Menschen zu Nutzern zu machen. Giorgio Agamben hat zu Recht auf den Umstand hingewiesen, dass ausgerechnet ein Papst, der nach Franziskus benannt ist, welcher die Lebrakranken umarmte, keine kritische Position zur Ausgrenzung im Zuge der Covid-Pandemie zustande gebracht hat. Stadt versus Land ist ebenfalls irrelevant für die totale Gleichgültigkeit des Nutzerismus gegenüber unterschiedlichen Lebensbedingungen.

Auch dies ließ sich während der Coronakrise hervorragend studieren, weil selbst die augenfälligsten Unterschiede zwischen einer klassischen Familie auf dem Land in einem Eigenheim und einer alleinerziehenden Mutter in einer Wohnung ohne Balkon im Zuge der Lockdowns völlig ignoriert wurden. Zentrum und Peripherie taucht nur insofern als Problem auf, dass „wir“ „arme Länder“ mit unserer Technologie unterstützen müssen, die sie sich vielleicht nicht selbst kaufen können, nach dem Motto, am deutschen Impfstoff soll die Welt genesen. Während die deutsche Regierung sich dafür einsetzte, die Patente für die Covid-Impfung nicht freizugeben, wurde das von Nutzeristen stark kritisiert. Ein systematischer Konflikt zwischen Industriestaaten und Peripherie wird im Nutzerismus also verneint. Auch moderneren Konfliktlinien wie Ökonomie und Ökologie oder Kosmopolitismus versus Kommunitarismus prallen am ideologischen Gebäude des Nutzerismus ab. Der richtige Gebrauch der Technologie versöhnt ja gerade Ökonomie und Ökologie und entfaltet sein volles Potenzial erst als Weltnutzergemeinschaft, egal wo sich diese Nutzer gerade aufhalten oder was ihr kultureller Hintergrund ist.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sich der Nutzerismus nicht in einem politischen Kompass mit einer sozio-ökonomischen und einer sozio-kulturellen Achse abbilden lässt. Der Nutzerismus besetzt hier viel mehr alle Extrempositionen gleichzeitig: Staatliche Interventionen sind ein Kernbestandteil, um die Menschen zu Nutzern zu machen. Gleichzeitig wird ein ungehemmter Marktliberalismus benötigt, um die richtigen technischen Lösungen hervorzubringen.

Ebenso werden liberale Werte wie „unkonventionelles Denken“ und „Multikulturalismus“ zusammengebracht mit autoritären Werten wie „Ordnungsdenken“ und „Nationalstolz“ („Vorsprung durch Technik“).

Diese Indifferenz gegenüber bekannten Konfliktlinien zeigt das enorme Mobilisierungspotential des Nutzerismus. Egal, welcher politischen Partei man nahe steht, Nutzerist kann jeder sein.

Biopolitik als neue Konfliktachse

Die negative Bestimmung der fehlenden Differenz (Indifferent gegen …) kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Nutzerismus in einer anderen Dimension massiv differenziert. Die Verwandlung der Menschen in Nutzer wirft mit aller Vehemenz die Frage auf, wann ein Mensch ein Mensch ist und ruft nach der politischen Gewalt, dieses zu entscheiden. Damit bewegt sich der Nutzerismus automatisch in einer extremen Position der Biopolitik. Es geht um die politische Definition des Lebens und seiner Bedingungen. Welche Technik ich nutzen soll und darf, bestimmt nun einmal ALLE Lebensumstände des modernen Menschen. Es ist wie eine Umdrehung des Homo Faber, wo nicht das Menschsein dadurch definiert ist, dass dieser sich die Technologie zu eigen macht, sondern umgekehrt der Nutzer als Anhängsel der Technologie seine Menschwerdung erfährt, ohne die er nichts weiter als ein gesellschaftliches Subproblem ist. Der Vorschlag, gegen Putin zu frieren durch den verordneten Verzicht auf Gas ist daher im Kern Biopolitik. Noch deutlicher wird dies, je mehr die Technologie mit dem Menschen verschmilzt, sei es als mRNA-Therapie, als digitaler Ausweis, der ständig vorzuzeigen ist oder – wie derzeit Verschwörungstheoretiker befürchten – als Chipimplantat.

Wenn der Nutzerismus die Ideologie der Biopolitik ist, dann ist der Nutzerismus an der Macht der permanente Ausnahmezustand, in dem die Herrschaft über das nackte Leben entscheidet. Denn die Technologie entwickelt sich beständig weiter, ohne natürlich irgendeines der sogenannten Probleme zu lösen. Es ist also beständig eine qualitative Erweiterung dessen notwendig, was genutzt werden soll. Dadurch werden alle Regeln aufgehoben und beständig revolutioniert. Nur als permanentes Update „funktioniert“ die Technologie. Die Politik muss also beständig alle Regeln und Gesetze über Bord werfen, um auch den nächsten Update-Zyklus in die Nutzer zu bringen. Paradoxerweise bestätigt sich dadurch qualitativ die Befürchtung des Nutzerismus: Nie sind es genügend Nutzer, die die Technologie in ihrem neuesten Stand nutzen. Im Resultat verliert deshalb jeder, der aus dem Update-Zyklus aussteigt, seine Rechte und seinen politischen Status als Mensch. Politisch ist also ein permanenter Ausnahmezustand mit einherschreitender Entrechtlichung zu befürchten.

In diesem Ausnahmezustand wird der Begriff des politischen Handelns – der nicht nur für Hannah Arendt von zentraler Bedeutung ist – entleert. Politisch richtiges Handeln besteht nun einzig in der Installation des nächsten Updates. Dabei ist ja die Rolle der Nutzer in Wirklichkeit durch völlige Passivität bestimmt. Es ist ein Nicht-Handeln, noch nicht einmal ein Mitmachen, sondern ein Übersichergehenlassen. Umgekehrt wird aber jede Weigerung oder Versuch, sich der vorgegebenen Rolle als Nutzer zu entziehen, als Angriff auf „die Gesellschaft“ genommen und als „unsolidarisch“ dargestellt. Formen des eigentlichen politischen Handelns (wie zum Beispiel kritische Äußerungen und Demonstrationen), die sich gegen die Nutzerrolle richten – weil die Technik nicht überzeugt oder weil individuelle Rechte gegen den Kollektivismus in Anschlag gebracht werden – werden mit den Mitteln des Ausnahmezustands bekämpft.

Während der Covid-Krise konnte man in Deutschland diese Mechanismen bereits im Detail beobachten. Die einfache Stoffmaske wurde von Update zu Update zu einer immer komplexeren Technologie, mit medizinischen Masken als Zwischenschritt, FFP2-Masken, Impfung statt Maske, Booster statt Maske, zweifacher Booster plus Maske usw. Das fundamentale Recht, sich frei im öffentlichen Raum bewegen zu können, wurde mit jedem Update auch den Nutzern entzogen, die die Ursprungsversion (zum Beispiel die Stoffmaske) durchaus installiert hatten. Einen ähnlichen Update-Zyklus sehen wir derzeit bei der Energieversorgung. War Gas bislang eine gute Technologie, um die Unbeständigkeit der Erneuerbaren Energien aufzufangen, ist im neuen Update der Stromversorgung plötzlich Braunkohle wieder wichtig und in Zukunft dann vielleicht Kernenergie. Verlassen kann sich niemand auf nichts, denn im permanenten Ausnahmezustand des Nutzerrismus liegt das Heil in der Technik und ihrer gesellschaftlichen Anwendung. Passend dazu hat das Wirtschaftsministerium auf Twitter verkündet, dass sie so smart und innovativ werden wollen, dass es keine Grundlast bei der Stromversorgung mehr gibt. Dieses physikalische Wunder lässt sich vermutlich dadurch erreichen, dass Energie nur noch den richtigen Nutzern zur Verfügung steht.

Der Text erschien zuerst auf dem Blog Political Data Science von Prof. Dr. Simon Hegelich.

(mki)